Dieses Mal kommt mein Bericht ein bisschen später, da ich erst mal alles Erlebte ein wenig verarbeiten musste. Und diese Afrika-Reise hatte es in sich, sie hat sogar alles übertroffen, was ich die letzten 20 Mal erlebt hatte. Los ging es am 13 Oktober Richtung Malawi zu einer Konferenz des internationalen Vereins Vision for the Kingdom (VfK), bei dem ich seit Jahren dabei bin. In Frankfurt haben wir – Ina und ich – uns dann mit Mara, ihrem Mann Michael, ihrem Sohn und ihrer Nichte mit Mann getroffen und sind zu siebent über Istanbul nach Malawi geflogen. Dort wurden wir in ein nettes Hotel verfrachtet, wo uns Viviane erwartete, die bereits einen Tag eher angereist war. Viviane gehört wie Ina, Mara und Michael (und ich) auch zu unserem Verein „laChajim“.

Die Woche Malawi war geprägt von vielen Veranstaltungen, vielen Sprechern und internationalen Gästen und nach 3 Tagen von sehr starker Diarrhoe, die 4 von uns ziemlich heftig gepackt hatte. Ina und Ole hat es völlig ausgeschert und sie mussten auch das Bett hüten – im stetigen Wechsel mit der Toilette. Ich spürte von Tag zu Tag, wie ich immer schwächer wurde. Trotzdem habe ich meine Vorträge gehalten. Auch wenn ich am Anfang dachte, es nicht zu schaffen, habe ich Kraft gespürt, die über das Normale hinausging. Am letzten offiziellen Tag hatten wir dann einen Ausflug zum Malawisee, der an alles, nur nicht an einen See erinnerte. Dieser See ist so groß, 600 km x 75 km, dass man meint, an einem Meer zu stehen und das alles voller Süßwasser und sogar Süßwasserkrokodilen.

Am nächsten Tag war Ruhe angesagt und ich war froh, nirgends hinzumüssen, außer mich mit Viviane um unsere Weiterreise zu kümmern. Das nächste Ziel war Daressalam, um zwei Tage später nach Sansibar zu gehen. In Daressalam kam dann Anneke hinzu, die uns den Rest der Reise nach Sansibar und Arusha begleitete.

Wir waren vor den Wahlen noch auf Sansibar. Die 4 Tage auf dieser schönen Insel waren wirklich sehr schön. Auch haben wir in einer Baustellenkirche einen Vortrag gehalten und es hat mich fasziniert, wie viele Fragen und Rückschlüsse im Nachhinein kamen. Erstaunlich war der Weg zu dieser Gemeinde, die mich sehr an die vielen schlechten Straßen und im Bau befindlichen Kirchen auf dem Festland in Afrika erinnerten. Viviane, Anneke und Ina haben dann noch mit Holipa (Pastorin aus Daressalam) eine Besichtigung von alten Bauten aus Besatzerzeiten unternommen, während ich mich immer noch erholen musste von dem ganzen Dilemma in Malawi. Der Durchfall war zwar, Dank Annekes Tabletten, besser geworden, aber ich war noch immer ziemlich geflasht und brauchte viele Ruhephasen zwischendurch. Am Tag vor der Abreise zurück nach Daressalam hatten wir einen Tag am Meer und ich habe, genau wie die anderen Mädels, diesen Tag sehr genossen.

Zurück in Daressalam ging es am nächsten Tag nach Arusha. Viviane blieb da und wollte zwei Tage später zurück nach Deutschland fliegen. Also folgten der Abschied und wir wurden vom Bishop zum Flughafen gebracht. Alles funktionierte wie am Schnürchen – nichtsahnend, dass bald alles aus dem Ruder laufen sollte. Am nächsten Tag waren die Wahlen in Tansania und das Chaos nahm seinen Lauf. Wir konnten die Wirren des Volksaufstandes, der bei der Wahl ausbrach und das ganze Land in ein Chaos gestürzt hat, nicht erahnen.

Es war erstaunlich zu sehen, was man sonst nur aus dem Fernsehen kannte. Zuerst wurde das Internet blockiert. Zeitgleich gab es Ausgangssperren und nach 18 Uhr durfte niemand mehr auf die Straße. Als nächstes konnte man keine Nachrichten wie z.B. über WhatsApp versenden und auch alle anderen Social Media waren blockiert. Zu guter Letzt konnte man als Ausländer auch keine SMS mehr rausschicken und auch nicht telefonieren. Als ich das früher mal gehört hatte, fragte ich mich schon, wie so etwas möglich ist. Wie es möglich ist, weiß ich immer noch nicht, aber dass es möglich ist, habe ich ja nun selbst kennengelernt.

Mein jahrelanger Freund Mathias hat uns am nächsten Tag früh aus Arusha geholt und uns für 2 Tage ins sichere Hinterland gebracht. Dort war es tatsächlich so schön und interessant, dass wir für einige Stunden vergessen hatten, was ein paar Kilometer weiter gerade los war. Ursprünglich war auf unserer Reise sowieso ein Tag für eine Safari geplant. Aber nun kam eh alles anders und es war gut, dass Mathias die Initiative ergriffen hatte. Er brachte uns am ersten Tag aus Arusha raus zu den Buschmännern. Es war wie eine Zeitreise in die weite Vergangenheit, denn diese Menschen leben noch so wie vor ewigen Zeiten, ohne den modernen Dingen wie Handy, Auto, fließendem Wasser und was wir nicht alles im Leben haben, dass völlig selbstverständlich ist.

Die Buschmänner zeigten uns alles Mögliche, was aber nur sie zum Leben benötigten. Ausführlich wurde uns dann gezeigt und klar gemacht, wie man auf die Jagd geht, welche Pfeile man für welche Tiere nimmt. Da sie allerdings eine uralte Klicksprache haben, konnten wir kein Wort verstehen, haben aber dennoch begriffen, welche Pfeile für welche Tierarten benutzt werden. Auch woher sie das Gift haben für bestimmte Tiere, die dann nicht sterben, aber bewusstlos werden. Wir sollten auch mit Pfeil und Bogen schießen, was Anneke und ich ganz gut hinbekommen haben. Auch das Feuer machen ist uns gelungen und somit fielen wir in die engere Auswahl. Und in welche? Das begriff ich erst als mich einer der Buschmänner am Händchen nahm und zu einem Zelt führte. Dort jagte er erstmal die Hunde raus, um den Platz freizumachen und mich zu bitten…“sleep“ und mit der Hand zu locken, mich in seinem Zelt niederzulassen. Erst musste ich lächeln, aber an seinem Gesicht sah man, dass er es durchaus ernst meinte. Ich zeigte ihm dann meinen Ehering, zuckte mit der Schulter und setzte eine ernste Miene auf. Er begriff und trabte dann die ganze Zeit traurig hinter uns her. Nun, es hat mir gezeigt, dass man auch bei Buschmännern vorsichtig sein sollte…

Am nächsten Tag war die ursprünglich geplante Safari und Mathias wie auch Eliya haben es wirklich super gemacht und uns ganz viel erklärt. Uns so abgelenkt, dass niemand mehr an das schreckliche Erleben in Arusha dachte.

Bis auf Löwen haben wir so gut wie alles gesehen, was man dort finden konnte. Am zweiten Abend unserer Flucht aus Arusha ging es zurück und wir dachten, es ist sicher alles vorbei und wieder normal, aber in Afrika ist in bestimmten Zeiten nichts normal.

So fuhren wir direkt in Arusha angekommen auf eine Straßensperre zu und Mathias blieb nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben.

Da sahen wir aus der Dunkelheit etwas auf uns zu rennen und erkannten, dass es ein Militärangehöriger war, der rechts eine MPi und links einen Stab, Speer oder Stock hielt, was ihn keinesfalls vertrauenserweckend machte. Man sah an Helligkeit nur das Weiße in seinen Augen, was sein übriges tat. Er richtete die Waffe auf uns und wollte wissen, wo wir hinwollten. Ich saß direkt am Fenster und konnte ihm genau ins Gesicht schauen. Sein Blick war sehr finster und keiner wusste, was geschehen würde.

Ich konnte ihm genau in die Augen sehen und fragte mich die ganze Zeit, warum ich ihn anlächle. Mir war klar, dass hier niemand lächeln konnte, auch ich nicht. Und doch war es mir unmöglich, das Lächeln verschwinden zu lassen. Die ganze Zeit habe ich gedacht, lass das Lächeln, nicht das er wütend wird. Dann ließ er die Waffe sinken, anschließend die andere Waffe und fragte Mathias, wo wir hinwollten (immer noch den Blick auf mein lächelndes Gesicht gerichtet). Mathias erzählte ihm, dass wir Missionare sind, die in ihre Unterkunft wollten. Dann sah ich es, ein winzig kleines Lächeln auch in seinem Gesicht (man sieht das wegen der weißen Zähne) und er sagte, fahrt los, ich sag Bescheid, ihr kommt durch. Als Mathias losfuhr, konnte ich mein Gesicht wieder normal bewegen und ich dachte einen kurzen Moment, dass da wohl zwei Engel meine Mundwinkel breit gezogen haben müssen. Im Hotel angekommen, waren wir nochmal wie eingesperrt, denn nichts lief mehr. Wir warteten auf die Gelegenheit, um zum Flughafen und schnellstens von hier weg zu kommen.

Am Sonntag, wo ich in einer Kirche einen Vortrag gehabt hätte, brachte uns ein Bishop zum Flughafen und es ging nach Sansibar, denn Daressalam konnte nicht angeflogen werden und alle Straßen dorthin waren noch gesperrt. Also, nochmal Sansibar und der Flug ging schnell ohne Probleme. Auf Sansibar war alles ruhig, es ist ja auch zu 97 % muslimisch und die Opposition sitzt auf dem Festland. Am Nachmittag ging es weiter per Flugzeug nach Daressalam. Innerhalb von nur 30 Minuten mit Einchecken waren wir auf dem Flughafen in Daressalam. Dort saßen wir allerdings lange 48 Stunden fest, ohne das sich auch nur das Geringste bewegte. Es gab nichts mehr, weder Geld noch Ware und ich erinnerte mich an den Text in der Bibel, was auf uns zukommen wird: dass eine Zeit kommt, wo man nichts mehr verkaufen oder kaufen kann…  Das real zu erleben ist allerdings eine ganz andere Hausnummer.

Als wir nach 48 Stunden endlich im Flieger saßen, habe ich noch mitbekommen, dass wir über Daressalam abgeflogen sind, aber meine Augen habe ich aufgemacht, als Istanbul unter uns lag. Also 7 Stunden geschlafen. Kurzer Zwischenstopp, dann wieder in den Flieger und wieder eingeschlafen. Erwacht bin ich, als der Flieger bereits zu sinken begann über Frankfurt. Das Gefühl, als ich meinen Fuß auf den Boden gesetzt habe, kann man wohl nicht so richtig verstehen, denn es war eine Mischung aus Dankbarkeit, Trauer und unendlichem Vertrauen zu wissen, ER hält Wort, denn in diesem Moment fiel mir wieder ein, was Jesus zu mir gesagt hat, als ich wieder zurückmusste: Du gehst und ich gehe mit, ich lasse Dich nie allein! Und das genügt!